Im diesmaligen Donaustädter Wirtschaftsgespräch hat Marko Fischer, Vizepräsident der Wirtschaftskammer Wien und Präsident des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbands Wien Christian Schlosser getroffen. Der Generalsekretär des Wiener Fußball-Verbands (WFV) zeigt auf, durch welche Maßnahmen der Sport auch eine Schule fürs Leben an sich sein kann. Unter dem Motto „Eine Stadt. Ein Spiel“ bildet man etwa in Hirschstetten Mädchen unter modernsten Bedingungen aus, die damit verbundenen Attribute lassen sich im späteren Berufsleben und in der Wirtschaft anwenden.
Marko Fischer: Fußball sieht man heute nicht mehr nur als Spiel allein, vielmehr bringt er Menschen zusammen und prägt alle damit verbundenen beteiligten Personen. Auf unseren Bezirk bezogen: Welche Bedeutung hat die Donaustadt für den Wiener Fußball?
Christian Schlosser: In einem gesunden Körper lebt auch ein gesunder Geist – das ist ein geflügeltes Zitat, nach dem wir im Wiener Fußball-Verband arbeiten und nach dem wir unser Wirken ausrichten. Das gilt natürlich zuallererst für alle Bezirke. Bezogen auf die Donaustadt ist natürlich Hirschstetten für uns von großer Bedeutung. Hier befindet sich unser Mädchen- Leistungs- und Ausbildungszentrum (LAZ) haben, das in Österreich einzigartig ist. Im ganzen Land gibt es keine vergleichbare Anlage, die nur für Mädchen konzipiert ist. Dort versuchen wir, die größten Talente in Wien zu fördern und sie zu unterstützen. Dazu gehört auch eine entsprechende Ausbildung, die weit über Fußball hinaus geht. Unser Wunsch ist ja, dass Spielerinnen im jungen Alter von 9 bis 10 Jahren zu uns kommen und, wenn der Wille und die Einstellung passen, wir sie bis zur Matura und zum Lehrabschluss begleiten können. Mit unserem LAZ versuchen wir, die Mädels in den Lebensalltag und hier schließlich in die Berufswelt zu integrieren.
Fußball ist heute also längst auch ein Ausbildungs-, Integrations- und Standortfaktor?
Ja, das ist definitiv so. Und Hirschstetten ist unser erster Standort, den wir als WFV selbst verwalten, er ist das Aushängeschild für unseren Verband. Hier kommen sogar Bundesliga-Vereine oder das Deutsche Frauen-Nationalteam auf uns zu, um die Spielerinnen auf unserem Gelände trainieren zu lassen; ganz einfach, weil die Anlage all das bietet, was sich ein Verein heutzutage unter professionellen Strukturen vorstellt. Da können wir schon sehr stolz sein.
Aus dem Fußball heraus kann man viele positive Grundgedanken mitnehmen, die auch in der Wirtschaft ihre Berechtigung haben und hier gebraucht werden – ich denke an Faktoren wie Teambuildings, die Begeisterung an andere Menschen weitergeben, das Fit-Halten von Körper, aber auch von Geist. Welchen Stellenwert nimmt das Ganze ein?
In der Ausbildung bilden wir klarerweise Mädchen wie Burschen in Sachen Teamfähigkeit aus. Das ist das A und O im Fußball, ganz nach dem Leitsatz „Gemeinsam gewinnen – gemeinsam verlieren“. Ich bin überzeugt, dass es auch weiterhin stimmt: Aus jeder Niederlage hat man die Chance, gestärkt hervorzugehen und da helfen dir deine Mitspieler und Mitspielerinnen durch Teamfähigkeit, das gemeinsame Auffangen, am allermeisten. Wir legen daher auch Wert darauf, dass die jungen Spielerinnen und Spieler entsprechende mentale Fähigkeiten und Qualitäten entwickeln, wenn es etwa darum geht, Führung und Verantwortung zu übernehmen.
Es wird heutzutage also nicht mehr nur Wert auf Talent und Technik gelegt, sondern auch vermehrt auf Wahrnehmungen, das Lesen eines Spiels und Disziplin? Hat sich das in den letzten Jahren nochmal verstärkt, weil sich auch der Fußball an sich immer mehr professionalisiert?
Ja, durchaus. In den Kabinen habe ich einmal Schilder anbringen lassen mit Leitsprüchen wie „Einzeln gut, als Team unschlagbar.“ Das ist auch unser Motto und nach diesen Grundsätzen arbeiten wir. Wir geben den jungen Spielerinnen und Spielern somit gleich die entsprechenden Werte mit. Wichtig ist, welche Schlüsse daraus gezogen werden und wie man diese hehren Attribute auch ins tägliche Leben integriert. Der WFV hat hier etwa eine Zusammenarbeit der ÖGK, wo man Rufseminare veranstaltet. Hier geht es für ältere Jahrgänge und jene in der dualen Ausbildung darum, sich mit Themen wie Social Media, Alkohol und Nikotin oder sexuellen Übergriffen auseinanderzusetzen und die Spielerinnen darauf vorzubereiten. Das sind ganz wichtige Aspekte für das tägliche Leben und gehören zur heutigen Professionalisierung dazu.
Viele Unternehmerinnen und Unternehmer suchen junge Menschen mit Teamfähigkeit, Disziplin, Verlässlichkeit und Eigenverantwortung. Kann der Fußball hier auch eine Brücke zur Arbeitswelt sein?
Respekt, Toleranz, Akzeptanz, das sind Regeln für die weitere Lebensschule. Im Grunde genommen möchte ich betonen, dass wir die Mädels dahingehend erziehen, wie man sich im Leben behaupten kann. Das sind Attribute, welche die jungen Frauen später auch in Führungsebenen benötigen und hier nicht in der 2. oder 3. Ebene, sondern, um ganz vorne zu stehen. Hier unterstützen wir sie, das ist auch Teil der dualen Ausbildung mit Schule und Sport. Der Fußball ist hier also in meinen Augen eine sehr gute Lernschule, um später durch das entsprechende respektvolle Verhalten und die eigene Willensstärke bis die Führungsebenen kommen zu können. Wer den Willen zur Ausbildung und den Ehrgeiz hat, der hat auch den Willen im Berufsleben, um sich immer weiterzuentwickeln. Das steht oft über dem Talent allein. Hier ist der direkte Zusammenhang mit der Wirtschaft und der Arbeitswelt gegeben.
Welche Rolle kann hier der Wiener Fußball-Verband einnehmen?
Der WFV ist keine Produktionsstätte oder Großunternehmen, wir sind von Förderungen und Unterstützern abhängig. Unsere finanziellen Mittel stellen sich auf vier Säulen: Es gibt die Einnahmen aus den Mitteln der Bundessportförderung, jenen der Stadt Wien sowie Einnahmen durch Mitgliedsbeiträge und Sponsorbeiträge. So stemmen wir unsere Arbeit und bieten Unterstützern auch einen Mehrwert nach außen. Dieser fließt wiederum in die Ausbildung der jungen Spielerinnen und Spieler. In den beiden WFV-Cupbewerben der Männer und Frauen haben wir mit Sport-Riss und UNIQA zwei Sponsoren, die uns tatkräftig unterstützen. Im Kinder- und Schulbereich ist es vor allem die Bäckerei Ströck. Von dieser Basis aus arbeiten wir für die Entwicklung im Wiener Fußball.
Hat der WFV in Sachen Ausbildung und Mädchen- und Frauenfußball hier der Entwicklung Folge getragen, auch im Vergleich zu anderen Ländern wie Deutschland oder Spanien? Sind das die Zeichen der Zeit, dass entsprechende Fördermöglichkeiten im modernen Fußball heute auch erwartet werden müssen?
Ich würde sagen, gesamtheitlich stecken wir im Fußball in Österreich was das betrifft, noch in den Kinderschuhen. Aber der WFV hat hier bereits die Fußballstiefel an. Wir haben eine Vorreiterrolle eingenommen und die Latte durch unser Ausbildungszentrum und die Fördermöglichkeiten hoch gelegt, auch für andere Vereine und Landesverbände. Vielmehr muss man danach trachten, dass Frauenfußball nicht als „Hype“ gesehen wird, etwa im Zusammenhang mit Großturnieren, sondern dauerhaft qualitativen Bestand hat. Und bezogen auf etwa Europa- oder Weltmeisterschaften muss man sich fragen: Was bleibt als Output, was kann man davon mitnehmen?
Wie etwa, wenn etwa Begeisterung nur kurzfristig gegeben ist?
Das meinte ich mit den „Fußballstiefeln“: Fußball ist das Kerngeschäft des WFV und wird es immer bleiben, aber wir schauen bewusst über den Tellerrand hinaus. Wir wollen jungen Spielerinnen eine Topausbildung mitgeben. Bei jedem Elternabend sage ich: ‚Ich kann nicht garantieren, dass alle Fußball-Profis werden. Aber ich garantiere, dass sie schulisch und sportlich top ausgebildet werden.‘ So sorge ich für die Basis in Sachen Ausbildung.
Es ist immer schön, wenn somit alle, auch die Wirtschaft hier den sozialen Aspekt mittragen durch ihre Unterstützung und mittels langfristigem Engagement.
Darum ist für uns der Ausbildungsstandort des LAZ in der Donaustadt so wichtig. Das vorrangige Ziel ist Fußball, aber es geht auch darum, Mädchen zusammenführen, die in gleicher Qualität dort trainieren können. In Vereinen kann es diesbezüglich große Unterschiede geben. Mein Wunsch ist, dass die Talentiertesten zu uns kommen und wir alle auf gleicher Ebene ausbilden können. Und das gilt auch für alle im Bezirk: Auch wenn wir früher im 10. Bezirk ansässig waren, hat sich durch unsere erste Anlage in der Donaustadt hier sehr viel bei uns entwickeln können. Neben dem LAZ gibt es eine Schulkooperation mit dem Polgargymnasium, ebenso mit der Sportmittelschule Kaisermühlen. Wichtig sind hier der Platz, das Bewusstsein und eine entsprechende Ausbildung für alle.
Die Donaustadt wächst – was bedeutet das für den Fußball im Bezirk? Bekommt man genug Kinder zum Fußball? Und wie kann die Wirtschaft mithelfen, damit noch mehr Mädchen in den Sport kommen?
Das ist ein Thema, das nicht nur auf die Donaustadt, sondern auf ganz Wien bezogen zu sehen ist. Wenn wir im 22. Sichtungstrainings anbieten, dann sollen sich nicht nur Kinder aus dem Bezirk angesprochen fühlen, sondern alle davon wissen und kommen können. Gleichzeitig versuchen wir, den Fußball zu den Kindern zu bringen, wie durch die Unterstützung der Mini-Schülerliga, die in Hirschstetten ihre Spiele absolvieren. Wenn wir aber Schulen und Spielerinnen gezielt ansprechen wollen, dann können auch oft bürokratische Hürden entstehen, welche die Verbindung – Spielerin und Fußball – erschweren. Etwa durch Behördenwege oder anderweitige Beschränkungen. Dadurch schließe ich viele Talente von vornherein aus. Und, ganz wichtig: Wir dürfen auch bei Stadterweiterungen nicht auf Fußballplätze für den Nachwuchs vergessen, als Umfeld für Bewegung. Der WFV betreut ein Netzwerk von um die 200 Vereine, es kommen auch immer wieder neue dazu. Das Dilemma: Wir haben nur rund 70 Sportstätten, aber mehr als 800 Nachwuchs-Teams. Dazu kommen aktive 14.000 Burschen rund 1400 Mädchen. Hier nehme ich alle in die Pflicht, dass mehr gemacht werden muss, um Sportstätten und Fußballplätze zu ermöglichen und weiters gezielt Talente in den Frauenfußball zu bringen.
Mit unserem kommenden „Tag des Sports“ der dbz versuchen wir, kleinen Vereinen die Möglichkeit zu geben, um sich kostenlos bei uns zu präsentieren. Wie sehr ist Sichtbarkeit von Angeboten hier ein Thema, auch für Unternehmen, die vielleicht interessiert an einer Unterstützung wären?
Sichtbarkeit und Öffentlichkeit sind immer ein großes Thema. Denn man muss verstärkt auch sehen, was kleine Vereine in der Nachwuchsarbeit leisten. Sie machen oft die Knochenarbeit, bevor dann ein größerer Klub kommt und Talente zu sich lotst. Es würde mich freuen, wenn Klein- und Mittelbetriebe somit mehr kleine Vereine unterstützen, ohne das Ganze von oben herab zu betrachten. Im Umkehrschluss ist es auch für die Familien und Kinder ist wichtig, Firmenlogos zu sehen von Unternehmen, die einem wirklich in der Entwicklung unterstützen. Wie Sport-Riss, das als kleines Sportfachgeschäft eine unglaubliche Bekanntheit hat, weil sie überall gezielt mitmachen. Das wäre für viele weitere Unternehmen eine Erfolgsschiene. Auch, weil man klarmacht und sieht, wer die Vereine wirklich unterstützt Man muss hier die Basis ansprechen, denn Nachwuchs gibt es nur in den Landesverbänden. Und auch wenn man den Fußballverband sponsert, kommt das letztlich allen Vereinen zugute.
Somit schließt sich der Wirtschaftskreislauf wieder?
Ja, denn Sportsponsoring ist auch ein Teil der Gesellschaft. Wenn ich zu einem Verein einen Bezug habe, schaue ich, welche Unternehmen ihn unterstützen – und kaufe im besten Fall dort ein. Das ist der Wiedererkennungswert, der „Return of Investment“, der sich im wirtschaftlichen Alltag niederschlägt. Klar: Es muss immer einen Gegenwert für Sponsoren geben, aber ihre Unterstützung ist ein Beitrag für die Gesellschaft und dort, wo sie funktioniert, funktioniert auch die Wirtschaft. Das ist die Symbiose, wo wir zusammenfinden. Viele Vereine fragen sich aber nicht, was sie dafür bieten können – aber im Prinzip kann man dem Unternehmen eine Plattform liefern, hier Identifikation schaffen, durch Netzwerke, Familienfeste, Feiern – es gibt so viele Möglichkeiten. Fußball umfasst so viele Schichten aus der Gesellschaft, da kommen alle zusammen und das ist das besonders Schöne.
Abschließend: Schön soll es für Fußball-Österreich auch durch die aktuelle WM in den USA, Kanada und Mexiko werden, wo wir unserem Nationalteam fest die Daumen drücken. Was kann solch ein Großevent für den Fußball in Wien bedeuten?
Es kann natürlich ein Multiplikator sein. Und gleichzeitig müssen wir tunlichst danach trachten, unseren Mädels und Burschen in Wien die Möglichkeiten bieten zu können, solche Träume im Fußball verwirklichen zu können. Da sind wir alle, Sportvereine, Politik, Unternehmen gefordert, um eine Vision nicht zur Illusion werden zu lassen. Eine WM ist eine Vision, das bringt der Sport als solches mit sich.
Foto: dbz.






